Vom Fluch ein Jagdhund zu sein

Gedanken über Loyalität


gemalt von Nea nach einem Tutorial

Vor einiger Zeit habe ich ein paar Grübeleien zum Thema Loyalität in Worte gefasst.
Den Artikel hatte ich für gut befunden, und dann zu den Akten gelegt, die Idee für diesen Blog war noch nicht geboren. In den letzten Tagen hat mich die Thematik aber wieder mehr beschäftigt, also habe ich ihn hervor geholt und für Euch überarbeitet.

Meine Tochter, gerade 6, hat mir von einem Dilemma berichtet, das im Grunde nichts anderes als ein Loyalitätskonflikt ist. Ich konnte ihr deutlich anmerken, dass dies einen wirklich schmerzhaften inneren Konflikt verursachte. Die Lösung schien ihr vollkommen unmöglich, sie konnte nicht die Bedürfnisse beider Freundinnen erfüllen. Ihrem eigenen Anspruch an sich, niemanden zu verärgern und beide glücklich zu machen, konnte sie auch nicht gerecht werden.
Einerseits bin ich froh, dass sie offenbar die Verbindlichkeit die mit Beziehung einhergeht erkennt, es ihr ein Bedürfnis ist, eine verlässliche Freundin zu sein. Andererseits kann ich ihren Schmerz nachempfinden.

Vor ein paar Monaten habe ich ein Modul zum Thema Kommunikation und Personalführung absolviert. Thema war unter anderem auch die Selbst- und Fremdwahrnehmung. Um unsere eigenen Diskrepanzen an dieser Stelle auf zu decken, stellte uns die Dozentin ein paar Methoden vor. Unter anderem stellte sie einen Bogen mit Soft Skills zur Verfügung, hier sollten spontan eine bestimmte Anzahl zutreffender Attribute gewählt werden. Zunächst von uns selbst. Um nun Selbst- und Fremdwahrnehmung zu vergleichen, kann man ein solchen Bogen im Umfeld verteilen und die Nennungen auswerten.

Loyalität machte das Rennen, dicht gefolgt von Auffassungsvermögen, Zielstrebigkeit & Zuverlässigkeit, sowie Einsatzbereitschaft und psychischer Belastbarkeit.

Meine Damen und Herren, erlauben Sie, dass ich mich vorstelle?
Ich bin’s Nea, Ihr neuer Jagdhund.
Treu, fleißig, ausdauernd, gehorsam und wenn’s knallt halte ich das aus.

Fragt sich nur: Will ich das?

Die Diskrepanz zu meinem Selbstbild war auf den ersten Blick gar nicht so groß. All diese Dinge sind mir wichtig. Die Unterschiede stellten sich aber an für mich wesentlichen Punkten ein, die dem Fremdbild fehlten. Loyalität habe ich tatsächlich auch als erstes angekreuzt. In Kombination mit den anderen Nennungen, ergab sich aber ein wenig schmeichelhaftes Bild.

Würde ich mich um eine Anstellung als Jagdhund bewerben top,
aber sollte ich nicht vielmehr ein Leitwolf sein?

Das hat mich nachdenklich gestimmt. Offenbar lebte ich meine persönlichen Ideale so, dass Sie im Ergebnis meiner Führungsaufgabe nicht unbedingt zuträglich waren. Wollte ich so ein Vorbild sein?
In der Folge habe ich viel über meine Wertvorstellungen und was sie geprägt hat gegrübelt. Kinder lernen am Vorbild. In meiner Kindheit fehlten mir die Vorbilder im echten Leben, aber ich habe schon immer furchtbar viel gelesen. Meine liebste Form von Eskapismus. Dabei habe ich früh eine Leidenschaft für Fantasy entwickelt, gute Geschichten mit Magie und echten Helden haben mich gefesselt. Sie haben nicht nur meine Phantasie beflügelt, sie haben auch meine Wertvorstellungen geprägt. Diese Art Geschichten kennt kaum Grau, die Welt dort ist schwarz-weiß, die Rollen und ihre Eigenschaften sind klar verteilt. Auch wenn ich mich dabei nie als Heldin gesehen habe, wurde so doch die Idee von mir, wie ich später mal sein wollte geformt. Welche Dinge mir besonders wichtig sind. Was ich geben möchte, aber auch wie ich gesehen werden möchte. Loyalität zum Beispiel ist einer dieser Werte. Er hat einen besonderen Stellenwert, aber auch eine besondere eigene Dramatik.

Loyalität, damit meine ich nicht die sexuelle Treue in Paarbeziehungen,
komplexes Thema und keinesfalls gleich zu setzen.

Nein, vielmehr meine ich das Bekennen und verbindlich zueinander Stehen in den Beziehungen die wir Leben.

Sag mir nicht was die anderen Schlechtes über mich gesagt haben, erkläre mir lieber, warum sie das in deiner Gegenwart durften.

Loyalität als einen wichtigen Wert zu formulieren geht schnell, doch in der Praxis stellte ich alsbald fest, wie unglaublich schwierig dieser Anspruch an mich selbst zu erfüllen ist. Und noch etwas anderes: Vielen Menschen denen wir begegnen ist Loyalität zu anstrengend, wir werden sie nicht von Ihnen bekommen.

Sie stürzt uns in Konflikte, fordert uns auf zu handeln, weil wir mit vielen Menschen in Beziehungen stehen und am Ende müssen wir manchmal entscheiden: Welche Beziehung hat für mich Priorität? Um dieser dann Priorität einräumen zu können, müssen wir vielleicht die Beziehung zu einem anderen Menschen beschädigen. Entscheiden, wen wir zu verletzen bereit sind. Wo ich doch eigentlich in jeder Beziehung ein verlässliches Gegenüber sein möchte, erzeugt das innere Konflikte. Manchmal ist der Preis für das Eine der Verlust des Anderen und das schmerzt.

Loyalität hat noch eine weitere Problematik: Sie kann zum selbst gewählten Gefängnis werden. Eigentlich möchte ich ein einmal gegebenes Versprechen unbedingt halten, aber was mache wenn sich die Ausgangsbedingungen grundlegend ändern? Was, wenn ich unter den neuen Bedingungen dieses Versprechen nicht wieder geben würde? Wenn ich das Gegenüber auf ganz neue, andere Art und Weise kennen gelernt habe, auf eine Weise die ich nicht tolerieren möchte?

Wenn der beste Freund eine Leiche im Kofferraum spazieren fährt? Zu wie viel Loyalität bin ich dann noch verpflichtet?

Die heroischen Vorbilder meiner Kindheit und Jugend haben natürlich immer ihre Treuschwüre gehalten, ihre eigenen Bedürfnisse zurück gestellt und tapfer durchgehalten.
Ich dachte, so würde ich es auch handhaben immer und ohne zu zögern, weil es richtig ist. Und wenn es mir mal schwer fiele, würde ich den Kurs halten und mich am Ende gut damit fühlen, weil ich die Gewissheit haben würde das Richtige getan zu haben. Ich war mir sicher, mein moralischer Kompass würde mir untrügerisch den Weg weisen.
Tja, das Leben hat mich gelehrt, das manchmal das Richtige unglaublich schwer zu finden ist. Und dass es sich nicht gut anfühlen muss es zu tun, egal wie lange wir darauf warten. Manche Konflikte kann man nicht so schmerzlos lösen, wie man es sich wünscht. das weiß nun auch meine Tochter.

Vielleicht müssen wir uns auch die Frage stellen: Wieviel Loyalität schulden wir uns selbst und welche Priorität hat diese Beziehung?

Das wäre dann integer und Integrität ist die Eigenschaft von Leitwölfen.

Eure NEA

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