Über das Warten

Eine der größten Veränderungen, die mit der Mutterschaft in mein Leben getreten ist, ist der Einzug des Wartens.

Das fing schon in der Schwangerschaft an. Zuerst warten, dass die gefährlichen ersten drei Monate rum sind. Dann warten, dass man endlich sieht, dass ich schwanger bin und nicht einfach irgendwie aufgequollen. Warten auf die ersten Bewegungen, warten auf die Geburt.

Und danach ginge es so weiter, warten auf das erste Lächeln. Warten, dass der Mann nach Hause kommt. Warten auf die Zähnchen. Warten, bis man mal wieder durchschlafen kann (kannste lange warten). Warten, dass ich weiter studieren kann. 2.Kind: Das Ganze noch mal von vorn. Und immer wieder: Warten, dass der Mann nach Hause kommt. Die Jungs werden größer, jetzt heißt es warten auf einen Krippenplatz (damals noch sowas wie ein 6-er im Lotto). Warten, dass die Eingewöhnung durch ist, damit ich mal wieder was anderes machen kann. Kranke Kinder: Warten, dass das Fieber runter geht.

5 Jahre später: Warten, dass das verspätete Kind endlich heimkommt. Dreimal in der Woche am Fußballfeld: Warten. Zweimal in der Woche in der Reithalle: Warten. Beim Arzt: Warten. In der Musikschule: Warten.
Warten, dass die Hausaufgaben erledigt werden.

Und jeden Abend: Warten, dass der Mann endlich nach Hause kommt.

Zeitweise hatte ich das Gefühl mein Leben bestehe nur aus warten. Je stärker ich für die Familie eingebunden was, desto mehr Zeit verbrachte ich mit warten. Für jemand ungeduldiges wie mich, eine schwere Prüfung.

Warten ist so unerträglich passiv. Es gibt mir das Gefühl jeder weitere Schritt hängt von außen ab, von dem Ereignis, oder der Person auf die ich warte. Ohnmächtig, als hätte ich keinen Handlungsspielraum, keine eigenen Entscheidungsmöglichkeiten, keine eigenen Pläne, als würde das Leben mir einfach passieren. Schwierig, wenn man von sich selbst das Bild einer sehr selbstständigen Person hat.

Ich hatte jedenfalls irgendwann die Nase voll davon und habe beschlossen auf zu hören zu warten. So ganz geht das natürlich nie, aber doch an vielen Stellen. Und irgendwann musste die Familie dann auch öfter mal auf mich warten 😉

Jetzt ist das Warten zurück. Seit einem Jahr warten wir .

Warten, dass der erste Lock-down vorüber ist. Warten, dass man Freunde treffen kann. Warten, was die Hochschule sagt. Warten auf Informationen aus der Schule. Warten auf Informationen aus dem Kindergarten. Warten auf die Impfung. Warten, ob ein zweiter Lockdown kommt. Warten, dass der zweite Lockdown vorüber geht. Warten, warten, warten.

Es fällt mir genauso schwer wie eh und je, mit dem Unterschied, dass wenigstens alle gerade warten.

Trotzdem: Mir reicht es jetzt, wer weiß schon, wann das Drama zu Ende ist?

Ich warte nicht länger. 2020 ist breits ans Warten verloren. Ja, es fehlt viel Schönes und Gewohntes. Aber es gibt auch immernoch so viele Möglichkeiten. Also Schluss damit.

In 2021 ist kein Platz für ohnmächtige Warterei: Es wird mein Jahr der ersten Dinge.

Eure


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