Ruhe

Fast fünf Wochen ist es her, seit meinem letzten Artikel – Schande über mein Haupt. Jeder Blogger-Ratgeber würde sich die Haare raufen und die Hände über dem Kopf zusammenschlagen. Regelmäßigkeit ist wichtig um eine treue Leserschaft zu generieren. Nun, ich hoffe ihr – meine lieben Leser – verzeiht mir diese kurze Auszeit.

Die letzten Wochen habe ich einem Zustand gewidmet, den ich so lange nicht mehr erlebt hatte, dass ich schon vergessen hatte wie sich das anfühlt: Der absoluten Ruhe.

Seit ein paar Wochen arbeite ich abseits meiner Familie quasi am anderen Ende Deutschlands. Ich wohne in einem sogenannten Microappartement (23qm inklusive Küche und Bad), fußläufig zur Donau und dem Büro.
In diesem neuen Alltag gibt es quasi keine Zeitfresser. Es ist kaum etwas zu Putzen/ auf zu Räumen, der Arbeitsweg beträgt weniger als 15 Minuten und Einkaufen kann ich auf dem Rückweg. Kochen für Eine ist schnell erledigt. Ohne “ich mag das nicht” Erschwernisse freue ich mich gerade sehr über Fenchel, Kapern, Artischoken und ähnliche Leckereien 😉

Die ersten Tage bin ich wie gewohnt min. 1,5 h bevor ich los musste aufgestanden um dann nach einer halben Stunde fix und fertig (inklusive Make-up und Schuhe) auf dem Bett zu sitzen -leicht irritiert.

Nach der Arbeit gings mir ähnlich. Essen machen und Abwaschen war fix erledigt. Und auch wenn ich nicht pünktlich aus dem Büro kam und noch einkaufen war blieb viel Zeit übrig.

Das ich mehr Freizeit haben würde war mir natürlich vorher klar. Ich hatte mir auch einige Gedanken gemacht was ich alles mit dieser Zeit machen wollte (zeichnen, schreiben, joggen…)
Aber ich tat davon nichts.

Normalerweise kann mein Tag gar nicht genug Stunden haben. Immer habe ich mehr auf der Liste, als ich am jeweiligen Tag schaffen kann. Wie Menschen Langeweile haben können ist mir ein Rätsel.

Und nun hatte ich zum ersten Mal seit Langem wieder vollständig abgehakte to-Do-Listen.
Mehr noch, ich hatte den Kopf frei. Ruhe. Absolute Ruhe in mir und um mich herum. Und dazu dann auch noch Zeit für eine große Zahl der “wanna-dos”. Von diesem Gefühl war ich Anfangs irgendwie überfordet.
Unfähig mich für irgendwas zu entscheiden habe ich mich ins Bett gelegt und geschlafen.
Schließlich habe ich mir bewusst gemacht, dass es völlig okay ist einfach nur mal Ruhe zu haben und nichts zu tun. Nichtmal Lesen, oder Fernsehen. Das letzte Jahr war anstrengend genug. Wenn ich mir diese Pause jetzt nicht verdient habe, dann werde ich sie nie verdient haben.

Nach einer Woche habe ich mich so erholt gefühlt wie nie, dabei hatte ich noch nicht mal Urlaub. Ganz im Gegenteil ich hatte einen neuen Job angetreten – viel Input Tag für Tag. Ich konnte diesen Input genießen. 100% mit dem Kopf bei der Arbeit, nicht nur 30% weil der Rest sich auf die Familie und den Haushalt konzentriert. Ein ganz neues Gefühl. Gedanken zu Ende denken, mich auf eine Sache konzentrieren, keine Kita-Schließzeiten, Training oder Nachhilfetermine im Nacken – einfach nur meinen Kram machen.

Mental Load hat im Corona Jahr viel mediale Aufmerksamkeit bekommen. Psyhologen beschäftigen sich damit schon etwas länger. Ich habe mich auch viel damit auseinander gesetzt, es ist ein interessantes und m.E. zu wenig beachtetes Thema. Aber erfasst, wie groß die Belastung im Alltag tatsächlich wirklich ist, habe ich erst jetzt. Denn: Gerade auch im Vergleich zu anderen Müttern hätte ich mich als mäßig belastet, oder erschöpft beschrieben. Gejammert wird nicht – habs mir ja schließlich selbst ausgesucht. Und irgendwie war es auch immer mein Anspruch an mich, immer noch ein bisschen mehr zu schaffen – ohne zu klagen. Wie ich inzwischen gelesen habe ist dieses Mindset, dass uns Frauen durch Sozialisierung mitgegeben wird, wohl Teil des Problems (Buchempfehlung: Die Frau für’s Leben ist nicht das Mädchen für alles).

Welche Konsequenzen ich aus dieser Erkenntnis für mich und unseren Familienalltag ziehen will, weiß ich noch nicht. Für den Moment bin ich jedenfalls fest entschlossen meine Zeit hier zu genießen, als meine persönliche Auszeit vom Corona-Familienalltags-Wahnsinn, meine Kur sozusagen.

Eure

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