Gleichstellung, Gleichwürdigkeit

und das Märchen von der Vereinbarkeit


In den letzten Tagen bin ich verstärkt einem alten Gegner begegnet: Der Gleichheit, oder treffender Gleichwürdigkeit, oder Gleichstellung?! Was auch immer die richtige Bezeichnung für diesen alten, fiesen Genossen ist, immer wenn ich denke, ich baue gerade meine Führung aus, stellt sich heraus er hat nur gewartet. Gewartet, dass ich müde werde, meine Deckung vernachlässige.

Erst im letzten Jahr bin ich mit ihm in den Ring gestiegen und nun, scheint mir, wird die zweite Runde eingeläutet.

Die erste Runde

Vor dem ersten Lockdown, hatte ich einen straff organisierten Alltag. Vollzeitstudium, Job, Haushalt mit 3 Kindern, Hobbies, Mann mit Vollzeitjob: da ist kein Platz für 50-er Jahre Idylle. Stattdessen Vollzeitkinderbetreuung, mein Mann musste regelmäßig pünktlich Schluss machen um die Jüngste von der Kita zu holen, die beiden Großen mussten öfter mal selbst die Waschmaschine bedienen und selbstständig mit dem Fahrrad zu Training fahren (Spoiler: Sie haben’s überlebt). Das war alles stressig und anstrengend, die Nachtschichten vor Abgaben kann ich schon nicht mehr zählen. ABER: Ich hatte ein eigenes Leben und es hatte sich auch angefühlt, als wäre es genauso wichtig wie das der Anderen.

Die vielbemühte Vereinbarkeit von Beruf und Familie, die hatte ich auch nicht. Ganz ehrlich, ich denke die ist ein Märchen.
Aber für mich und meinen Mann war es irgendwie gleichermaßen unvereinbar. Die Ungerechtigkeit war sozusagen gerecht verteilt. Um diesen Status zu erreichen brauchte es beim mir viele Jahre persönlicher Entwicklung. Auseinandersetzung mit meinen Werten und Glaubenssätzen und meinen eigenen Ansprüchen. Auseinandersetzung auch mit der Umwelt und den Erwartungen von außen. Und natürlich auch Entwicklung in der Partnerschaft.

Und dann kam der erste Lockdown. Und mit ihm die Erkenntnis.

Machen wir halt von heute auf morgen alle Betreuungseinrichtungen dicht, alternativlos. Nachdem jetzt seit Mitte der 2000-er allen Frauen eingetrichtert wurde, dass sie ja alles machen können – ausser zu Hause bleiben. Und gekrönt wird das Ganze durch beschämende Werbespots.

Meine hart erkämpfte Gleichstellung war ganz offensichtlich nur eine Illusion, eine zarte Seifenblase.

Dieses kollektive, unausgesprochene Agreement in unserer Gesellschaft das „die Muttis das stemmen“, hat mich schockiert, wütend gemacht, aber auch desillusioniert. Wo ist da die Gleichwürdigkeit? Wieso ist es völlig selbstverständlich, dass wir –von heute auf morgen- alles fallen lassen? Diese Selbstverständlichkeit kann es doch nur geben, wenn die zu Grunde liegende Annahme ist, dass unsere Tätigkeiten irrelevant sind. Wertlos für unsere Gesellschaft, allenfalls Zeitvertreib.

Klar, mein Studium sichert nicht unser Familieneinkommen und meine Kinder kommen immer an erster Stelle. Natürlich ist mir ihr Fortkommen wichtiger, als mein eigenes, weshalb ich also jede Menge Zeit in das Thema „homeschooling“ investiert habe. Und quasi keine in mein Onlinesstudium.

Momentmal, wieso eigentlich natürlich?

Gäbe es sowas wie Gleichwürdigkeit, oder Gleichheit, müsste dann nicht mein Lebensinhalt genauso wichtig sein, wie der meines Mannes? Unabhängig davon, wer wieviel Geld verdient? Müsste er sich nicht genauso verantwortlich fühlen für Kinderbetreuung und Homeschooling? Und viel wichtiger: Müsste die Gesellschaft ihn nicht als genauso verantwortlich betrachten? Und müsste ich selbst nicht auch meiner Tätigkeit den gleichen Wert beimessen wie seiner?

Die innerpartnerschaftliche Balance, ist ein Teil des Problems. Und zwar der, der am einfachsten zu bearbeiten ist. Nach ein paar Wochen in der neuen Situation hatten wir uns neu sortiert. Dank Homeoffice des Mannes, Netzwerk und der ein oder anderen Terminverschiebung hat dann auch das Studium irgendwie stattgefunden. Aber das ist nur eine Behandlung von Symptomen.

1:0 für Nea.

Viel schwieriger ist die Tatsache, dass man als Mutter immer automatisch in die Pflicht genommen wird. Aber damit nicht genug, das Problem geht noch weiter: Väter scheinen per Grundannahme inkompetent zu sein.

Das Kind steht ohne Jacke in der Kita, Papa hat es gebracht, aber Mama wird angerufen. Die Hausaufgaben wurden nicht erledigt? Mamas Telefon klingelt. Der Zahnarzttermin steht bevor, Recall auf Mamas Telefon.
Ich könnte das ja noch nachvollziehen, wenn da nur eine Nummer vorläge. Fakt ist aber, all diese hübschen Formulare fragen die Telefonnummern von Mutter und Vater ab. Der Kindergarten kennt die Familienverhältnisse bestens und die Schule ebenfalls. Dennoch, die Lehrerin ruft an um das Arbeitsverhalten des Sohnes zu besprechen, Papa nimmt ab, sie lässt sich an Mama weiter reichen. Der Mann hängt die Wäsche auf – die Nachbarn kommentieren, wie glücklich ich mich schätzen kann, dass mein Mann mir hilft.

Auf in die zweite Runde

Gerade habe ich die Bewerbungsphase für mein Praxissemester abgeschlossen. Da ich ziemlich spezielle Vorstellungen davon hatte, was ich machen wollte, habe ich mich auch überregional beworben. Wir hatten das besprochen und mein Mann sagte “Mach mal, das kriegen wir schon hin”. Ich habe ein super Angebot bekommen, im Süden und unterschrieben. Die Reaktionen von ausserhalb waren in etwa so:”Und wie machst du das mit den Kindern?”

Zum Vergleich: Vor ein paar Jahren hatte mein Mann ein super Jobangebot aus München, ich sagte “Mach mal, das kriegen wir schon hin”. Die Reaktionen von ausserhalb waren in etwa so: “Wow, das ist ja ne tolle Chance. Aber München, krass dass du dich das traust.”

Nea gibt sich noch nicht geschlagen

Mein alter Gegner ist also immernoch da. Die Veränderungen der letzten Jahre, der Kita-Ausbau, das Elterngeld haben nur an der Oberfläche gekratzt. Vielleicht, weil sie alle nur Symptome behandeln?

Das Vorgehen unserer Regierung im Lockdown, aber auch unser eigenes, mein eigenes , haben mir einmal mehr vor Augen geführt, dass wir noch am Anfang stehen. Immer wieder holt mich die Last meiner Sozialisierung ein. Ständig, überall wird die Vereinbarkeit bzw. fehlende Vereinbarkeit von Beruf und Familie thematisiert. Nur denke ich werden häufig die falschen Aspekte diskutiert, unter falschen Annahmen und falschen Zielsetzungen.

Eine echte Vereinbarkeit herzustellen, würde zuerst einmal einen Abschied von unserem völlig überhöhten deutschen Familienbild erfordern. Ein zu Hause indem jederzeit alles sauber sein soll, das Essen stets pünktlich auf dem Tisch, selbstgekocht natürlich, alle Kinder sauber angezogen. Und das alles von Mutti hingezaubert, mit einem Lächeln und hübsch angezogen. Diese Anspruchshaltung, ist tief in uns verwurzelt. Nicht selten kriegt man als Frau zu hören, dass das mit dem Arbeiten ja okay sei, solange man es mit der Familie alles hinkriege.
Bye-Bye 50-er Jahre Superhausfrau-Idylle – hallo Realität. Gestehen wir uns doch mal ein, dass das nicht funktioniert. Dieses Ideal mit einer Berufstätigkeit vereinbaren zu können ist ein Märchen, so realistisch wie Ciderella. Erkennen wir mal an, dass diese altbackenen Vorstellungen (hübsches Nazi-Erbe – ich finde, wir sollten das schon deshalb nicht länger kultivieren) uns nur schaden. Dann wird auch das schlechte Gewissen weniger. Und die Ziele erreichbar. Erreichbare Ziele zu setzen ist ein Grundprinzip, dass eigentlich in jedem anderen Bereich anerkannt ist, nur beim Familienleben halten wir es dann doch lieber mit Utopien. Warum?

Der nächste wichtige Schritt wäre es, die Gleichwürdigkeit der Erziehungspartner anzuerkennen und zwar wirklich. Jeder von uns wünscht sich seine Beziehung auf Augenhöhe. Auf Augenhöhe bedeutet aber doch, ich kann nicht meinem Partner die Kompetenz und Verantwortung für Erziehungs- und Haushalts- oder Lebensfragen aberkennen und sonst darf das auch niemand tun. Ich bin erwachsen, er ist erwachsen. Wir sollten uns gegenseitig so behandeln, aber wir sollten auch von außen beide so behandelt werden. Überall. Wenn die Schule anruft kann sie genausogut mit Ihm sprechen, umgekehrt kann die Bank aber auch mit mir sprechen, ebenso die Autowerkstatt. Einem Single wird schließlich auch zugestanden, das alles alleine tun zu können.

Eigentlich sind diese Verhaltensweisen, die sich da in unserer Gesellschaft etabliert haben alles andere als respektvoll. Ständig mit der Grundannahme durchs Leben zu gehen, ein Gegenüber sei für einen Bereich seines täglichen Lebens nicht hinreichend kompetent ist schon ziemlich übel.
Wenn ich das so formuliere, möchte ich mir diesen Schuh auch nicht so gerne anziehen, aber ich weiß, dass muss ich. Und es erforderte ziemlich viel persönliche Entwicklung das zu erkennen.

Jahrelang habe ich mit dem schlechten Gewissen gekämpft, wenn ich was für mich wollte. Zeit zum studieren, Zeit zum Arbeiten, oder einfach nur mal Zeit für mich. Rabenmutter spricht es dann schnell leise im Hinterkopf. Gleichzeitig habe ich mich schlecht gefühlt, nicht die gleiche wirtschaftliche Verantwortung tragen zu können, wenn ich meinen Focus auf die Kinder legte. Es fühlte sich irgendwie falsch an, unmündig. In all diesen Gefühlen machen sich unsere Sozialisierung bemerkbar. Angetrieben vom schlechten Gewissen gegenüber Allen, Kinder, Mann, Job versuchte ich alles zu schaffen.

Die Glaubenssätze die hinter diesen Verhaltensweisen stehen haben wir wohl alle mit auf den Weg bekommen. Aber wir müssen nicht danach handeln, wir können uns diese Dinge bewusst machen und uns anders entscheiden. Wenn wir diese Glaubenssätze bearbeiten zuerst bei uns selbst und dies dann auch von unserem Gegenüber einfordern, dann kann es eine Chance auf Gleichstellung und Vereinbarkeit geben. Auf echte Vereinbarkeit, eine Vereinbarkeit die zum Ziel hat, die Last der Verantwortung (Schlagwort Mental Load ) zu verteilen und sich an einem realistischen Familienbild orientiert. Und eine echte Gleichstellung die auf dem Prinzip der Gleichwürdigkeit basiert. Auf der Grundannahme, dass wir es mit einem anderen Ganzen zu tun haben.

Jedem Vorschulkind gestehen wir zu, seine Kompetenzen anzuerkennen. Würde die Erzieherin in der Kita es in Windeln stecken, wir würden Sturm laufen, zu Recht.
Warum sind wir nicht bereit, das Gleiche zu tun, wenn es um Erwachsene geht?

Eure


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