Gepackte Koffer

Manche Jubiläen würde man ja lieber vergessen. Den anstehenden Jahrestag des ersten Lockdowns zum Beispiel. Oder den Tag, an dem es ein Jahr her war, dass ich zum letzten Mal aus war. Den möchte ich gleich aus mehrerlei Gründen lieber vergessen, endete dieser Abend doch mit einem unrühmlichen Absturz.
Da erinnere ich mich lieber an die Tour davor, die ist dann allerdings schon mehr als ein Jahr her. Dafür wars ein super Tag, obwohl unsere 11 höchst schmachvoll verloren hat.

Fußball, gerade so unwichtig wie fast nichts Anderes. Konzerte, Tanzen ebenso.
In einer stickigen Kneipe eng an eng sitzen, einen über den Durst trinken und am nächsten Morgen das letzte Bier verfluchen. Noch unwichtiger – ich weiß. Und dennoch kommt es mir inzwischen wahnsinnig wichtig vor.

Riesige Sehnsucht, nach Bedenkenlosigkeit, Unbesorgtheit und Nähe.

Spontan jemanden umarmen, knuffen, oder einen Kuss auf die Wange drücken? Undenkbar momentan.

Momentan? Oder wird das in Zukunft ein No-Go bleiben? Werde ich mich ab jetzt immer fragen, ob ich jemandem auf den Schlips trete?

Werden wir an einem lustigen Abend in der Stadt noch ein Bier mit einem Fremden teilen? Zusammen tanzen? Im Stadion dem Fremden neben mir um den Hals fallen, wenn das entscheidende Tor fällt? Eng an eng zusammen Konzerte rocken? Oder wird social distancing fortan unser Leben bestimmen? Vielleicht nicht bewusst, aber als diffuses Gefühl, dass Nähe nicht gut ist, irgendwo im Hintergrund?
Unbewusst, aber dennoch wirksam.

Wir Erwachsenen haben viel Erfahrung mit Nähe und Herzlichkeit, von denen wir zehren können, die uns helfen diese unguten Gefühle irgendwann ab zu schütteln.

Kinder haben das nicht. Je jünger sie sind, desto schlechter ist ihr Koffer gepackt. Sie werden mit diesem diffusen Gefühl von „ich darf mich nicht annähern“ ganz anders leben müssen als wir. Es wird sich viel tiefer einprägen, viel tiefere Spuren hinterlassen, ihre persönlichen Beziehungen und ihr Auftreten beeinflussen.

Vor ein paar Tagen fegte unser Nachbarpäärchen die Einfahrt, zwei sehr liebe, ältere Leutchen kurz vor der 80. Meine Tochter mag die Beiden sehr. Sie hatte sich gerade angezogen zum Roller fahren, nun schaute sie traurig durch die Tür und sagte:” Mama, ich will doch nicht mehr raus.” Irritiert, wegen des plötzlichen Sinneswandels hakte ich nach:” Warum, was ist denn jetzt anders als vor 5 Minuten?” Und sie antwortete: ” Ich bleibe lieber drinnen, ich bin doch gefährlich für Gerda und Klaus.”*

*Namen geändert

Entsetzen, Ohnmacht und das Gefühl vollkommen versagt zu haben erfüllen mich immernoch, wenn ich daran denke.

Ich bin gefährlich für Andere – Ein schreckliches Gefühl. Welch grausames Gepäckstück für die kindliche Psyche. Egal, ob Corona verschwindet, oder wir uns damit einrichten müssen, diese Schäden sind angerichtet.
Und wir haben sie zu verantworten.
Bleibt nur zu hoffen, dass wir dieser Verantwortung gerecht werden.

Eure


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