Eternal Guest – Leben zwischen den Stühlen


Die Lebensentwürfe sind inzwischen vielfältig und ich hatte die naive Erwartung, man würde mir im 21. Jhd vorurteilsfrei begegnen, wenn ich meinen eigenen Entwurf lebe. Inzwischen weiß ich das natürlich besser, aber mit zwanzig war ich noch einigermaßen idealistisch.

In meiner Lieblingszeitung gibt es eine Rubrik namens „Wie es wirklich ist“ dort beschreiben Menschen ihre Lebenswelt. Diese kurzen Artikel finde ich immer interessant.Vermutlich haben sehr viele Menschen so einen Aspekt ihres Lebens, der nur für eine kleine Gruppe Außenstehender verständlich ist, alle Anderen fragen sich dann entweder offen, oder im Stillen wie das wohl ist.

Immer wieder werde ich wahlweise entsetzt, oder interessiert – überrascht gefragt, ob das denn Absicht war, so jung Mutter zu werden und wie das so ist. Das wäre also mein „Wie es wirklich ist“- Thema.

Alles eine Rechenaufgabe?

Ich hatte keine Teenagerschwangerschaft, und ich war auch bereits verheiratet bevor ich überhaupt schwanger wurde, also eigentlich alles oldschool.

Aber ich war eben erst 21, gerade am Anfang meines Studiums. Die meisten Menschen haben da wohl Anderes im Kopf. Mein Mann und ich haben damals eine simple Rechnung aufgemacht. Wir haben Szenario A gegen Szenario B aufgewogen und B für besser befunden.

A: Schnell zu Ende studieren, arbeiten und beruflich etablieren. Um dann mit Mitte 30 einen längeren Einbruch in Kauf zu nehmen, mit den verbundenen Risiken hinsichtlich des Schwangerschaftsverlaufes und der beruflichen Entwicklung. Die körperliche Leistungsfähigkeit würde auch abnehmen und als Paar hätten wir viel weniger Zeit, da ja mindestens einer Vollzeit arbeiten würde. Dafür wäre alles „safe“, es stünden keine großen Veränderungen mehr an. Und wir würden die Erwartungen von Familie, Freunden, Gesellschaft erfüllen.

B: Etwas länger studieren, die Kinder besonders am Anfang gemeinsam betreuen. Von der körperlichen Fitness der frühen 20-er profitieren und auch von der zugegeben reichlichen Freizeit und der Flexibilität während des Studiums. Letzlich bliebe dann auch noch der Karriereknick aus, wenn man es endlich in den Beruf geschafft hätte, müsste man nie mehr wieder aussteigen. Es gäbe nur eine Weg: vorwärts. Auch ein Plus, wenn die Kinder schließlich selbst aus dem Haus gehen, ist man erst Mitte-Ende Vierzig. Dafür wäre eben alles noch etwas in der Schwebe, die großen Veränderung müssten die Kinder mitmachen. Und die finanzielle Situation wäre auch nicht ganz so rosig. Aber: Kleine Kinder benötigen tatsächlich gar nicht so viel Geld. Teuer wird’s etwa ab Schuleintritt.

Mal ehrlich, diese Argumentation ist doch überzeugend!

Es ist kein Geheimnis, dass das alles nicht ganz so hingekommen ist wie gedacht 😉 Trotzdem glaube ich, ich würde es immer wieder so entscheiden.

Wenn ich überlege, wie ich mich jetzt fühle, nach einer durchwachten Nacht …argh…das habe ich mit Anfang zwanzig gar nicht richtig gemerkt. Da bin ich einfach aufgestanden um etwas sinnvolles zu machen, wenn das Baby zu unruhig war um daneben zu schlafen. Auch ansonsten war ich ziemlich entspannt. Das sagt man ja häufig über ältere Eltern. Aber bei mir, war das auch so. Ich hatte gar keinen Druck, kein Job in den ich unbedingt schnell zurück musste. Super billige Wohnung, keine anderen Verpflichtungen, stabile Partnerschaft – alles sehr, sehr ruhig.
Das hat sich auch aufs Baby ausgewirkt, es war tiefenentspannt. Das erste Jahr, das viele so anstrengend finden, habe ich unheimlich genossen.

Die eigentliche Schwierigkeit, liegt darin auf das Gefühl der Zugehörigkeit zu verzichten.

Was ich unterschätzt hatte, war nicht die Mutterrolle, sondern die Sonderrolle die ich mir unwissentlich selbst zugewiesen hatte. Mit meiner Entscheidung habe mich selbst zum „ewigen Gast“ gemacht. Ich wählte einen Platz zwischen den Stühlen – dauerhaft.

Mit wachsendem Bauchumfang gehörte ich immer weniger dazu. Selbst bei dem Grüppchen mit dem wir immer gelernt haben war ich Ruck-zuck raus. Für die anderen Studenten hatte ich eine andere Lebenswelt betreten, quasi die Fronten gewechselt. Die letzte Studiparty und wer mit wem anbandelt – das alles hat mich durchaus noch interessiert, ich konnte halt nur nicht mehr dabei sein. Meine Mutterrolle hat Distanz geschaffen, wo ich sie selbst nicht gefühlt habe. 

Aber auch zu den anderen Eltern gehörte ich nicht. Manchmal waren da gut 20 Jahre Altersunterschied. Da steht man dann vor jemandem, beruflich längst etabliert, unter Umständen höchst kompetent, einiges an Lebenserfahrung, Schläfen schon leicht ergraut. Wie sollte ich da ein ernstzunehmendes Gegenüber sein? Diese Eltern waren meinen eigenen Eltern näher als mir, dementsprechend hatte ich auch oft so ein Gefühl von „Klappe halten, jetzt reden die Erwachsenen!“.

Und doch hatten wir ja die gleichen Anforderungen zu erfüllen, was die Versorgung unserer Kinder anbelangte, da wurde ich schon manchmal misstrauisch beäugt. Gelegentlich wurde mir auch ganz offen erklärt, dass das ja nicht klappen könne. Wenn ich dann doch „erfolgreich“ war, konnte so mancher Akademiker das nur schwer ertragen. 

Einmal war ich bei einem Treffen für junge Mütter. Dort war ich sogar eine der Älteren, aber auch hier gehörte ich nicht dazu. Im Gegensatz zu den älteren Eltern war man hier nur nicht so höflich, wenigstens so zu tun als ob.

Dieses “Klappe halten-jetzt reden die Erwachsenen!” Gefühl erwischt mich immer mal wieder, ich habe gelernt damit um zu gehen, mich nicht einschüchtern zu lassen.
Das Gefühl stets nur ein höflich geduldeter Gast zu sein, ist geblieben.

Manchmal spüre ich es mehr, manchmal weniger. Im Moment bin ich in der Bewerbungsphase, da sitzen auf der anderen Seite des Schreibtisches häufig Leute in meinem Alter. Das ist seltsam. Einerseits haben sie mich überholt. Andererseits habe ich manchmal den Eindruck, dass sie vom Leben noch nichts wissen.

Ich habe zwei Phasen, die in unserer Gesellschaft fast immer nacheinander kommen, zusammen geschoben, damit bin ich raus.

Eigentlich müsste ich jetzt bei den ganzen „Jungeltern“ mit den tiefen Augenringen sitzen. Tja, Augenringe habe ich jetzt auch manchmal wieder … denn ich sitze bei den Studenten. Ohne diese Corona-Krise hätte es vielleicht auch noch mit dem Beer-Bachelor geklappt 😉

Eure


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