Corona, Begegnungen und die Abwesenheit des Zufalls

Die Frage, ob ich wirklich einen Corona-motivierten Artikel bringen will, oder nicht, habe ich jetzt eine Weile bewegt. Ich tendierte eher zu nein, aber es ist nun mal DAS Thema 2020 und natürlich beschäftigt es mich auch.


Kürzlich betrauerte ich mit einem Freund die ausgefallenen Konzerte diesen Jahres und er schrieb “Corona nervt so hart!“ Ich dachte nur: JA! aus tiefster Seele: Ja – mit 20 roten Ausrufezeichen!


Aber warum eigentlich?

Meist bemühe ich mich, nicht über die Situation zu jammern, denn wenn ich es doch tue plagt mich das schlechte Gewissen. Schließlich geht es mir ja gut. Job sicher, Studium läuft, kein Coronafall weit und breit, geringe Infektionszahlen am Wohnort.

Was also quält mich – uns alle – dermaßen?

Es fällt unglaublich schwer dieses Gefühl zu beschreiben. Irgendwie ist es so, als Stünde mein Leben seit März auf Pause, als wäre dieses Jahr nicht wirklich passiert, merkwürdig wattig. Dabei stimmt das nicht mal. Ich habe mein Studium vorangetrieben, auch sonst ist alles halbwegs normal weiter gegangen und trotzdem fühlt es sich nicht so an. Was fehlt denn nun so gravierend?

Im Artikel Homo Entertainicus in der Zeit (Ausgabe 47/2020) kommt der Autor zu dem Ergebnis, uns fehle die Unterhaltung. Das mag auch so sein, ein Stück weit. Unterhaltung lenkt uns ab, von uns selbst. Allerdings ist Geschäftigkeit auch eine hervorragende Ablenkung und viele Menschen sind in dieser Pandemie unglaublich produktiv.

Je mehr ich darüber nachdenke, desto mehr denke ich, es ist etwas Anderes.

Es ist der Mangel an Begegnungen, der dieses Jahr so seltsam unwirklich macht.

Es gibt so viele verschiedene Arten von Begegnungen und wenn unser Leben seinen normalen Gang geht, bereichern sie es mit beeindruckender Willkürlichkeit.

Da sind die alltäglichen Begegnungen mit Menschen, deren Wege wir über Jahre fast täglich kreuzen. Wie Statisten in einem Film, füllen Sie das Bild zu einem Ganzen, ohne jemals eine tiefere Bedeutung für unser Leben zu entwickeln.

Dann sind da die unerwarteten, flüchtigen Begegnungen. Menschen, mit denen wir nur ein kurzes Stück unseres Weges teilen. Oder Menschen, mit denen wir schon einen gemeinsamen Weg hatten, welchen wir plötzlich wieder begegnen.
Ein beeindruckender Dozent auf einer Fortbildung. Der Fremde mit dem wir wenige Stunden das gleiche Konzert rocken – für einen Wimpernschlag kameradschaftlich verbunden durch die gleiche Leidenschaft. Ein besonders interessanter Fremder, abends mit der besten Freundin in der Stadt. Der alte Schulfreund, den wir 20 Jahre nicht gesehen hatten, der uns plötzlich in die Arme läuft.
Trotz ihrer Flüchtigkeit bewirken diese Begegnungen etwas.
Sie machen die besonderen Momente aus, an die wir uns später erinnern. Sie beeinflussen unser Denken und Fühlen. Diese Begegnungen können uns zugehörig fühlen lassen. Uns bestätigen. Sie können uns aber auch vorsichtig wecken. Uns daran erinnern, wer wir mal waren – oder hatten sein wollen. Oder sie lassen uns Seiten an uns leben, die wir selten beachten. Sie beeinflussen unseren Blick auf die Welt, auf uns selbst und unser Leben auf subtile, hintergründige Art.

Die unerwarteten, flüchtigen Begegnungen sind tiefgehend, aber trotzdem sind sie gleichzeitig auch sanft.

Und dann gibt es da noch eine besondere Form von Begegnungen. Sie sind selten und sie sind das reine Chaos.
Manchmal begegnen wir Menschen, die uns auf  eine so spezielle Art und Weise faszinieren, dass wir uns nicht entziehen können, weil wir es nicht wollen.
Diese Begegnungen haben so viel Energie, dass ihnen nichts sanftes mehr inne wohnt.
Wie ein Blitz schlagen sie ein, fegen durch unser Leben wie ein Wirbelsturm.Am Ende liegt kein Stein mehr auf dem Anderen. Wir wissen vom ersten Moment an, dass die gemeinsame Zeit mit diesem Menschen kurz und das Ende hart sein wird, und hoffen doch es könnte vielleicht anders sein – denn es wird eine Lücke bleiben.

Diese seltenen Begegnungen haben etwas zwingendes, sie verändern uns, reißen uns aus der Komfortzone – drängen uns auf zu räumen. Oftmals bereiten Sie den Weg für etwas Neues.

Es sind die Begegnungen mit Menschen, die das Leben lebenswert machen.

Guy de Maupassant.

Einer dieser vielbedienten Kalendersprüche. Noch nie zuvor habe ich in dieser Art gefühlt, wie viel Wahrheit darin steckt.

Ohne all diese Begegnungen ist das Leben einfach zu linear. Es fehlt an Inspiration, an Erkenntnis, an Höhen und Tiefen. Es fehlt der Spiegel im menschlichen Gegenüber. Und es fehlt auch diese wunderbare Willkürlichkeit, die Unvorhersehbarkeit mit der diese Dinge geschehen. Die vollkommene Abwesenheit des Zufalls, macht unser Leben so merkwürdig unaufgeregt.

Ich denke, deshalb fühlt sich dieses Jahr so seltsam an.

Eure

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