Ab morgen wird alles anders (Teil 2)

oder: Neuer Anfang, altes Ich


Tja, meist läuft es irgendwie so, wie im ersten Teil diesen Aritkels mit den guten Vorsätzen. Und doch fassen wir immer wieder Welche, nicht nur zum neuen Jahr.

Neuanfänge sind unglaublich verlockend, sie verführen uns mit einer Illusion: Der Vorstellung ab einem bestimmten Punkt x könnten wir jemand anders sein. Nicht etwa, weil wir an uns gearbeitet haben, sondern weil ab diesem wundersamen Zeitpunkt sprichwörtlich über Nacht alles anders ist.

Neujahr – jetzt wird alles besser. Neue Wohnung – nie wieder Chaos. Neuer Job – nie wieder Langeweile. Neues Semester – nie wieder Nachtschichten und schlechtes Zeitmanagement.

Wenn ich mir das so vor Augen führe, muss ich unweigerlich schmunzeln ob der Absurdität dieser Vorstellung. Solchen Illusionen bin ich schon oft erlegen. Am Ende aber sind wir trotz des Neuanfangs immer noch wir selbst. Das neue Jahr verändert nichts, nur weil einmal mehr Januar im Kalender steht. Die neue Wohnung ist vielleicht größer, aber wenn ich nun mal ein Chaot bin, wird das Chaos auch hier ruck zuck einziehen. Diese Beispiele können wir beliebig fortführen.

Yesterday keeps comin’ round, it’s just reality | It’s the same damn song with a diffrent melody […]
The more things change the more they stay the same

The more things change | Bon Jovi

Was soll’s – ich lasse das also schon lange mit den Neujahrsvorsätzen. Es ist nicht so, dass ich keine Baustellen hätte – ich habe genug für ein ganzes Jahrhundert. Ich fühle mich nur nicht mehr verpflichtet alle auf einmal ab einem bestimmten Tag zu bearbeiten, weil das gesellschaftliche Konvention ist.

Außerdem kenne ich mich inzwischen gut genug, um zu wissen was ich ohnehin nicht ändern werde, wenn es keine zwingenden Gründe gibt. Damit habe ich längst meinen Frieden gemacht.

Unsere Macken, Eigenheiten und Laster erkennen, annehmen und sich eingestehen, dass wir diese vermutlich behalten werden ist heilsam. Es kann uns tatsächlich der Lösung näher bringen als ein guter Vorsatz.
Ein ganz simples Beispiel: Wenn ich mir 10 Jahre hintereinander vergeblich vorgenommen habe häufiger die Fenster zu putzen, wieso sollte ich mir das schon wieder auf die Fahne schreiben?
Ganz ehrlich reflektiert weiß ich: Ich werde es nicht tun. Die Frage ist also: Warum nehme ich mir das immer wieder vor? Hätte ich gerne saubere Fenster? Würde ich sie denn dann nicht regelmäßiger putzen? Oder stört es bloß die Nachbarn? Schwiegereltern? Sonst wen? Und ist mir das wichtig? Wenn ich mir diese Fragen beantworte, habe ich schnell die Lösung. In diesem Fall hätte ich grundsätzlich gerne saubere Fenster, aber die Aufwendung meiner sehr geringen Freizeit steht für mich in keinem Verhältnis zum Ertrag. Es hat schlicht keine Priorität, ich kann also auch aufhören mir deswegen ein schlechtes Gewissen ein zu reden. Stattdessen kann ich a) einfach damit leben oder b) jemanden dafür bezahlen.

Natürlich ist es nicht immer so einfach, erstaunlich oft aber doch, wenn ich die richtigen Fragen stelle.

Mir zu überlegen, welche Vorsätze ich denn fassen würde, macht für mich trotzdem Sinn. Es hilft die eigenen Baustellen zu erkennen. Nur reicht Vorsätze zu fassen eben nicht, ein Vorsatz ist kein Plan. Und selbst der reicht noch nicht, denn ein Plan ist auch nicht viel mehr als eine Idee von etwas.

Vielmehr habe ich mir angewöhnt mir zum Jahresende fragen zu Stellen. Habe ich das Gefühl weiter gekommen zu sein? Welche Gewohnheiten und Menschen waren hilfreich? War ich für jemanden da? Was habe ich gut gemacht und was gehört unter die Überschrift “Bitte nicht nochmal“ ?
Auch mir bewusst zu machen, welches meine Ziele zum Jahresbeginn waren [meine ganz eigenen – nicht die, die irgendjemand für mich als sinnvoll erachtet] und mich zu fragen, ob es noch immer meine Ziele sind. Mich zu fragen, ob mir etwas oder jemand gefehlt hat und warum? Welche Momente waren meine absoluten Highlights? Was habe ich zurückgelassen, was gewonnen? Und…war es seinen Preis wert?

So habe ich für mich rausgefunden, dass es mir keine Schwierigkeiten macht, auf meine Ziele hin zu arbeiten, fokussiert zu bleiben und etwas zu verändern, wenn zwei Bedingungen erfüllt sind:
1) Es muss mein Ziel sein.
2) Ich muss den wirklichen Grund kennen, warum ich dieses Ziel verfolge.

Da braucht es keine guten Vorsätze, ein eigenes Ziel aus dem eigenen Willen heraus motiviert, auch wenn es mal schwierig wird.

Dennoch liegt im Jahreswechsel ein gewisser Zauber, ein Hauch Aufbruchstimmung, die meiner Motivation einen zusätzlichen Schub gibt. Allerdings weiß ich: Am Ende des Jahres bin ich immer noch ich. Ein bisschen älter, ein Paar Erfahrungen reicher, ein Stückchen weiter aber trotzdem einfach ich und das ist vollkommen okay.

Eure


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